2025 07 Circu Grishun
- Peter van der Gugten
- 9. Juli
- 13 Min. Lesezeit

Vor uns liegen zwei Wochen durch Graubünden, autark unterwegs, mit mobilem Zaun, Tarp und einer improvisierten Küche. Also genau jene Art von Komfort, bei der man abends stolz ist, wenn der Kaffee nicht nach Rauch schmeckt und die Suppe nicht im Gras landet.
Zuerst führen wir die Pferde hinunter nach Scuol. Der Morgen ist noch frisch, die Tiere gehen ruhig, und wir kommen langsam in diesen Rhythmus, den man nicht erzwingen kann. Man muss ihn gehen, Schritt für Schritt, bis der Kopf endlich merkt, dass es jetzt nicht mehr um Termine, Nachrichten oder Wetter-Apps geht, sondern um Hufe, Wege, Wasserstellen und die Frage, ob der mobile Zaun am Abend dort hält, wo er halten soll.
Von Scuol folgen wir dem Inn bis nach San Niclà. Dort legen wir im Café Sper l’En die erste Pause ein. Kaffee und Kuchen nach den ersten Kilometern sind keine Nebensache. Sie sind eine zivilisatorische Errungenschaft, besonders wenn man weiss, dass die eigene Küche für die nächsten Tage hauptsächlich aus Brenner, Topf, Messer und gutem Willen besteht.
Dann geht es hinauf zum Dreiländereck und weiter zum Grünsee. Vor zwanzig Jahren bin ich diese Strecke schon einmal geritten, und natürlich erwartet man insgeheim, dass eine Landschaft höflich an Ort und Stelle bleibt, bis man wiederkommt. Das tut sie aber nicht. Auch Berge haben offenbar ihre Umbauphasen.
Vieles hat sich verändert. Mountainbike-Strecken prägen heute das Bild, sauber angelegt, gut sichtbar und deutlich präsenter als früher. Wo damals noch offene Almflächen waren, stehen inzwischen Bäume, und an manchen Stellen ist daraus ein dichter Wald geworden. Die Landschaft wirkt enger, bewachsener, fast so, als hätte sie in den letzten zwanzig Jahren beschlossen, sich einen grünen Mantel überzuwerfen.
Erst einige Kilometer hinter dem Grünsee kommt mir die Gegend wieder vertraut vor. Plötzlich stimmen die Linien wieder: der Hang, der Weg, die Weite, dieses besondere Gefühl, wenn ein Ort im Kopf einrastet und man denkt: Ja, hier war ich schon einmal. Nicht alles ist gleich geblieben, aber genug, dass die Erinnerung wieder den Weg findet.
Am Rechenhof versuchen wir, mit den Pferden unterzukommen. Das wäre natürlich praktisch gewesen, und praktisch ist auf solchen Touren immer ein sehr schönes Wort. Leider gehört praktisch nicht zu den Dingen, die einem täglich garantiert werden. Heute haben wir kein Glück.
Also gönnen wir uns erst einmal eine kleine Mahlzeit, denn hungrig werden selbst gute Pläne nicht besser. Danach ziehen wir weiter, hinunter zum Tendershof, etwas tiefer im Tal. Unterwegs sehen wir einen jungen Mann, der Zaunstangen richtet. Wir reiten an ihm vorbei, grüssen freundlich und denken uns noch nicht viel dabei. Auf solchen Wegen trifft man Menschen oft nur kurz, wie Wegmarken mit Händen.
Später kommt genau dieser junge Mann mit dem Traktor angefahren. Und plötzlich wendet sich der Tag. Wir bekommen Unterkunft für die Pferde und auch für uns selbst. Manchmal braucht es eben keinen grossen Empfang, kein Schild, keine Reservation und kein Formular in dreifacher Ausführung. Manchmal reicht ein Mensch, der mit dem Traktor kommt und sagt, dass es schon irgendwie geht.
Am Abend sitzen wir zusammen und trinken ein Bier. Nach einem langen Tag mit Pferden, Wegen, Zaunmaterial und der üblichen Frage, wo man heute Nacht landet, schmeckt so ein Bier nicht einfach wie Bier. Es schmeckt nach angekommen sein.
29. Juli
Um halb sechs bin ich am Stall. Die Pferde sind bereits am Fressen und stehen in einem überdachten Bereich, in dem im Winter die Kühe untergebracht sind. Sie begrüssen mich freundlich, wobei ihre Zuneigung vermutlich weniger mir gilt als der begründeten Hoffnung, dass ich wieder frisches Heu mitbringe. Pferde sind in dieser Beziehung sehr ehrlich. Wer Heu bringt, ist willkommen.
Während ich unsere Sachen packe, repariere ich Gudruns Satteltasche. Auch das gehört zu solchen Reisen: Man reitet nicht einfach durch schöne Landschaften, man flickt sich nebenbei auch durch den Tag. Bei einem einfachen Frühstück lernen wir den Vater des jungen Mannes kennen, der uns am Vortag mit Traktor, Unterkunft und Bier gerettet hatte. Es ist eine dieser Begegnungen, die nicht gross angekündigt werden und trotzdem hängen bleiben.
Zunächst folgen wir der Teerstrasse Richtung Reschen. Danach steigen wir zum Höhenweg hinauf. Der direkte Fahrweg zur Skipiste ist gesperrt, also bleibt uns nur der Mountainbike-Trail. Wir nehmen ihn in der Hoffnung, niemandem in die Quere zu kommen. Mit Pferden auf einem Mountainbike-Trail fühlt man sich ein wenig wie ein Segelboot auf der Autobahn: grundsätzlich beweglich, aber nicht unbedingt am richtigen Ort.
Schliesslich erreichen wir den Höhenweg, der uns nach Burgeis führen soll. Der Weg ist gut, und die Aussicht ist atemberaubend. Solche Momente sind der Grund, warum man all die Mühen in Kauf nimmt: das frühe Aufstehen, das Packen, das Reparieren, die unklaren Wege und die kleinen Überraschungen, die unterwegs grundsätzlich nie ausgehen.
Nach zwanzig Kilometern erreichen wir Burgeis. Ganz ohne Zusatzarbeit geht es natürlich nicht. Einige Tore und Zäune müssen erst für unsere Pferde passierbar gemacht werden, bevor wir weiterkommen. Auf dem Dorfplatz halten wir am Brunnen. Da kommt ein Traktor heraufgefahren. Ich halte ihn an und frage den Fahrer, ob er vielleicht einen Platz für zwei Pferde hätte. Er hat einen und bittet uns, ihm zu folgen.
Kurz darauf stehen unsere Pferde abgesattelt im hohen Gras. Zwei Häuser weiter unten finden auch wir Unterkunft und können endlich unser Gepäck ablegen. Nach dem Essen lassen wir den Abend mit einem kühlen Bier unter der Laube unserer Pension ausklingen. Es ist einer dieser einfachen Abende, an denen nicht viel passieren muss, damit alles stimmt: Die Pferde sind versorgt, der Rücken darf aufatmen, und der Tag bekommt ein friedliches Ende.
30.7. Am Morgen gibt es Hafer für die Pferde. Der Himmel zeigt sich in zarten Rosatönen, und in der Ferne meine ich die Bernina zu erkennen. Es ist einer dieser Morgen, an denen die Welt für einen kurzen Moment so tut, als wäre sie völlig in Ordnung. Die Pferde kauen zufrieden, wir kommen langsam in die Gänge, und selbst das Packen wirkt für ein paar Minuten weniger wie Arbeit und mehr wie ein geübtes Ritual.
Beim Frühstück gibt uns die Wirtin die Adresse ihrer Mutter in Schlanders. Dort könnten wir wieder unterkommen. Solche Hinweise sind auf einer Reise mit Pferden Gold wert. Karten zeigen Wege, aber Menschen zeigen Möglichkeiten. Und Möglichkeiten braucht man unterwegs fast so dringend wie Heu, Wasser und gelegentlich einen Kaffee, der stärker ist als die eigene Müdigkeit.
Über einige Umwege erreichen wir den Sonnenbergweg, der hoch oben über dem Tal verläuft. Der Weg zieht sich entlang eines Wasserkanals durch lichte Föhren- und Akazienwälder. Es ist ein stiller, beinahe meditativer Abschnitt. Die Pferde gehen ruhig, das Wasser begleitet uns leise, und für eine Weile scheint alles im richtigen Tempo zu geschehen.
Dann zwingt uns ein Taleinschnitt zum Abstieg ins Tal. Auf der gegenüberliegenden Seite führt der Weg weiter Richtung Meran. Eigentlich. Denn wie es sich für eine ordentliche Reitwanderung gehört, verpassen wir eine Abzweigung und steigen bergauf statt hinunter. Das ist der Moment, in dem man merkt, dass auch ein schöner Weg falsch sein kann, wenn er in die falsche Richtung führt.
Also kehren wir um und suchen den richtigen Abstieg. Schliesslich gelangen wir hinunter ins Tal. Ein kleiner Umweg mehr, ein bisschen zusätzliche Arbeit für Beine und Nerven, aber nichts, was den Tag wirklich aus der Bahn wirft. Auf solchen Reisen gehört das Verirren fast zur Wegbeschreibung.
Nach einer kurzen Rast im Bistro folgen wir dem Radweg Richtung Schlanders. Apfelplantagen begleiten uns, ordentlich in Reihen gesetzt, als hätte jemand die Landschaft mit Lineal und landwirtschaftlichem Ehrgeiz gezeichnet. Wir reiten gemächlich dem Flusslauf nach Süden entlang. Nach den Höhenwegen und Umwegen tut dieser Abschnitt gut: weniger Drama, weniger Steigung, dafür gleichmässiges Vorwärtskommen.
In Goldrain angekommen, führen wir die Pferde hinauf zu dem Anwesen, wo therapeutisches Reiten angeboten wird. Schon bei unserer Ankunft reagieren die dortigen Huzulen aufmerksam. Pferdebesuche werden offenbar sofort registriert, besonders wenn fremde Pferde auftauchen, die nach Weg, Sattel und Abenteuer riechen.
Unsere Pferde werden oberhalb auf einem Paddock versorgt. Sie bekommen ihren Platz, wir bekommen das beruhigende Gefühl, dass für die Nacht wieder alles geregelt ist. Das ist auf einer solchen Reise jedes Mal ein kleiner Sieg. Man muss ihn nicht laut feiern, aber innerlich darf man schon kurz die Fahne hissen.
Am Abend entsteht eine gesellige Runde mit der Tochter und den Eltern. Es gibt hauseigenen Wein, gute Gespräche und diesen einfachen, warmen Frieden, der sich einstellt, wenn Mensch und Tier gut untergebracht sind. Ein stimmungsvoller Ausklang eines Tages, der wieder einmal gezeigt hat: Man plant die Route, aber die Begegnungen machen die Reise.
30.7. Um sieben Uhr sitzen wir beim Frühstück. Danach satteln wir die Pferde und reiten weiter nach Morter. Dort beginnt der lange Aufstieg zum Taschner Pass, rund 1’920 Höhenmeter. Das ist eine Zahl, die auf der Karte noch recht harmlos aussieht, sich aber unter den Füssen der Pferde und in den eigenen Knien sehr konkret bemerkbar macht.
Vor uns schiebt ein Biker sein Rad den Berg hinauf. Auch das hat etwas Tröstliches: Nicht nur wir sind langsam unterwegs, auch andere Menschen führen ihre Fahrzeuge gelegentlich spazieren. An einer Weggabelung überlegen wir, ob wir den steilen Wanderweg nehmen sollen oder doch lieber die Forststrasse. Während wir noch abwägen, zieht der Biker auf der Forststrasse an uns vorbei, und die Pferde folgen ihm wie selbstverständlich. Damit ist die Entscheidung gefallen. Manchmal braucht es keinen langen Führungsprozess. Ein Mountainbiker genügt.
Über die Lascher Alm und die Taschner Alm steigen wir weiter hinauf und erreichen schliesslich das Taschner Joch auf 2’510 Metern. Die Aussicht ist grossartig, aber lange Zeit zum Staunen bleibt nicht, denn der Abstieg fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Der Weg ist anspruchsvoll, und wir gelangen schliesslich zur Kuppelwieser Alm.
Dort treffen wir Ernst, unseren Freund von der Kuppelwies. Wir werden eingeladen, auf seinem Hof zu nächtigen. Unterwegs begegnen wir auch Rudi, der gerade in seinem Hotel eine Sauna erneuert. Es ist beruhigend zu sehen, dass auch andere Leute ihre Baustellen haben; unsere bestehen nur aus Pferden, Gepäck, Pässen und der täglichen Suche nach einem Platz für die Nacht.
Als wir auf der Kuppelwies ankommen, stehen Heu, Wasser und Bier bereits bereit. Für die Pferde das eine, für uns das andere, und für alle zusammen das Gefühl, wieder einmal gut gelandet zu sein. Nach einem langen Aufstieg, einem anspruchsvollen Abstieg und vielen Höhenmetern schmeckt so ein Abend nach mehr als nur Erholung. Er schmeckt nach Freundschaft, nach Glück und nach dem stillen Wissen, dass man heute genug getan hat.
1. August
Wir verabschieden uns von Ernst und reiten auf dem Ultner Höfeweg Richtung St. Gertraud. Die Landschaft zeigt sich noch einmal von ihrer schönen Seite, als wollte sie uns höflich daran erinnern, dass man Südtirol nicht einfach verlässt, ohne sich vorher noch einmal umzudrehen. Wir besichtigen den Weisssee und kehren danach wieder zurück auf den Weg zum Rabbipass.
Inzwischen hat der Himmel beschlossen, seine Schleusen zu öffnen. Es regnet heftig, nicht so ein bisschen romantisch für die Postkarte, sondern richtig. Auf der Alm fragen wir nach einer Unterkunft und bekommen tatsächlich den Schlüssel zu einer Hütte am Ende der Fahrstrasse. Kurz vor dem Pass steht sie dann vor uns: eine einfache Holzhütte, mit einer grosszügig eingezäunten Weidefläche für die Pferde. Mehr braucht es in diesem Moment nicht. Wir bleiben.
Bald knistert das Feuer im Holzofen, wir kochen, trocknen, wärmen uns und hören draussen dem Regen zu, der nun nicht mehr unser Problem ist. Und dann, als hätte der Tag seinen dramatischen Auftritt sorgfältig geplant, reisst die Wolkendecke auf und lässt die Abendsonne durchbrechen.
2. August
Es regnet die ganze Nacht, und auch am Morgen macht der Himmel keine Anstalten, sich für sein Benehmen zu entschuldigen. Wir warten, bis es etwas nachlässt, satteln nicht gleich in den nächsten Wolkenbruch hinein und führen die Pferde hinauf zum Rabbipass.
Natürlich kommt der Regen zurück. Offenbar hatte er nur kurz Luft geholt. Tropfnass erreichen wir die Hasleberghütte, wo wir uns Kaffee und Apfelstrudel genehmigen. In solchen Momenten ist Apfelstrudel keine Süssspeise mehr, sondern eine Form von seelischer Erster Hilfe.
Von dort führt ein steiler Mountainbike-Trail hinunter zur Malga Caldesa Bassa. Bei Christian, dem Käser, fragen wir nach einer Unterkunftsmöglichkeit im Tal. Er gibt uns eine Telefonnummer und beschreibt uns den Weg zu einem Stall. Endlich hört es auf zu regnen, und als wir unten im Tal ankommen, steht bereits eine ganze Familie bereit, um für uns und die Pferde eine Unterkunft zu organisieren.
Die Pferde bekommen einen Platz im Kuhstall, zusammen mit einem Kälbchen, das vermutlich auch nicht jeden Tag solche nassen Gäste sieht. Der Vater bringt uns ins Wellnesshotel im Dorf. Nach einem Tag wie diesem klingt allein das Wort Wellness schon wie eine göttliche Eingebung mit Bademantel.
3. August
Gudrun geniesst die Wellness-Oase, während wir langsam wieder in den Reitermodus zurückfinden. Nach dem Frühstück bringt uns die Wirtin hinauf zum Hof, wo die Pferde stehen. Die haben in ihrem Kuhstallquartier offenbar ebenfalls gut übernachtet, auch wenn sie vermutlich weniger Wert auf Wellness und mehr auf Heu gelegt haben.
Wir satteln auf und reiten durch das Dorf hinauf. Oben angekommen zeigt sich allerdings, dass der Weg unten im Tal vermutlich die einfachere Wahl gewesen wäre. Vor uns liegt ein etwa siebzig Meter langer, steiler Treppensteig. Nun stehen wir da, mit Pferden, Gepäck und der Erkenntnis, dass manche Abkürzungen erst unterwegs ihren wahren Charakter zeigen.
Wohl oder übel nehmen wir den Steig unter die Hufe. Schritt für Schritt arbeiten sich die Pferde hinauf. Es ist steil, eng und nicht gerade die Art von Weg, die man morgens nach dem Frühstück als Verdauungsspaziergang bestellt hätte. Aber schliesslich ist es geschafft. Wir sind wieder auf unserer Route.
Der Weg zum Cercenpass ist zunächst gut ausgebaut. Wir kommen zur Malga Cercen, wo ich mit Pat vor vielen Jahren schon einmal übernachtet habe. Solche Orte tauchen plötzlich wieder auf, als hätte die Landschaft ein altes Lesezeichen im eigenen Leben gesetzt.
Über Alpwiesen geht es weiter hinauf zum Pass auf 2640 Meter. Danach beginnt der lange Abstieg. Drei Stunden gehen wir zu Fuss hinunter nach Cogolo, die Pferde am Strick, die Knie im Dauergespräch mit der Schwerkraft. Unten angekommen finden wir im Agriturismo eine Unterkunft. Nach diesem Tag reicht ein Dach über dem Kopf vollkommen aus, um sich wieder wie ein zivilisierter Mensch zu fühlen.
4. August
Die Nacht bringt Besuch. Drei Kätzchen haben beschlossen, dass mein Schlafsack offenbar die beste Unterkunft im ganzen Agriturismo ist, und nächtigen darauf, als hätten sie schon lange reserviert. Am Morgen folgt die nächste Überraschung: Die Pferde stehen nicht mehr in ihrem Zaun. Beide sind friedlich hinten bei einer Stute mit Fohlen, als gehörten sie schon immer zu dieser kleinen Pferdefamilie. Ich bringe sie zurück und sichere den Zaun, bevor wir frühstücken. Erst die Pferde, dann der Kaffee. So ist nun einmal die Rangordnung auf solchen Reisen.
Über die Strasse gelangen wir hinauf nach Pejo und weiter auf den Weg zum Lago Palü. Der Anstieg zieht sich, und wir lassen uns von den Pferdeschweifen nach oben helfen. Oberhalb des Sees verläuft der Weg dann angenehm entlang der Höhenlinie. Ein schmaler Steg verlangt noch einmal Konzentration. Mansu überquert ihn etwas hektisch, während Arkung ruhig und sicher seinen eigenen Weg sucht. Zwei Pferde, zwei Charaktere, ein Steg, und am Ende sind alle drüben.
Wir gelangen in ein langgezogenes Tal, das hinauf zur Forcellina di Montozzo auf 2613 Meter führt. Gegen Mittag stehen wir oben und sehen schon nicht weit unter uns ein Rifugio, das geradezu nach Mittagspause aussieht. Den Abstieg nach Viso habe ich mit Pat noch in guter Erinnerung. Damals liessen wir Kinder die Pferde hinunterreiten und konnten danach im Ercavallo die Specialità della Casa geniessen: Polenta mit Pilzen. Es gibt Erinnerungen, die bleiben nicht nur im Kopf, sondern auch irgendwo zwischen Magen und Herz hängen.
Diesmal gibt es keine Kinder, die unbedingt hinunterreiten wollen. Also gehen wir selbst. Unten beim Ercavallo herrscht so viel Betrieb, dass wir gar nicht erst nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragen. Wir ziehen weiter ins Tal und kommen nach Casa Pirli. Dort empfiehlt uns die Dame im Café das Albergo Pietra Rosso.
Die Pferde werden dort eingezäunt, und wir bekommen sogar noch eine kalte Platte, obwohl das Restaurant bereits um 18 Uhr schliesst. Für uns reicht das vollkommen. Die Pferde haben ihren Platz, wir haben etwas zu essen, und die Nacht verbringen wir draussen. Nach einem solchen Tag ist das kein Verzicht, sondern einfach die passende Unterkunft unter freiem Himmel.
5. August
Wir kochen Kaffee, holen die Pferde von der Weide und sind bereits um 6.30 Uhr unterwegs hinauf zum Gaviapass. Diesmal nehmen wir den Wanderweg. Anfangs ist er noch gut ausgebaut, fast so, als wollte er uns in Sicherheit wiegen. Später ändert er seine Meinung und verwandelt sich allmählich in einen Klettersteig.
Drei Stunden lang arbeiten wir uns durch Wald und Wiesen nach oben. Die Pferde steigen konzentriert, Schritt für Schritt, bis wir schliesslich oben auf der Passstrasse ankommen. Arkan verhält sich mustergültig und findet meistens selbst den Pfad nach oben. Mansu hingegen drängelt wieder einmal, als hätte er am Pass oben einen wichtigen Geschäftstermin. Irgendwann reicht es, und ich muss ihm einen deutlichen Anschiss verpassen. Danach kehrt Ruhe ein. Manchmal braucht es in den Bergen keine langen Diskussionen, sondern nur eine klare Ansage.
Endlich erreichen wir den Pass. Im Passrestaurant genehmigen wir uns ein spätes Frühstück, das nach diesen drei Stunden eher wie ein verdienter Etappensieg schmeckt. Danach führen wir die Pferde auf der Passstrasse hinunter, bis wir eine Abzweigung zum Skigebiet finden.
Auf gut Glück suchen wir in Bormio ein Agriturismo und müssen dazu quer durch die Stadt reiten. Mit Pferden durch eine Stadt zu ziehen, ist immer ein bisschen wie ein Besuch aus einer anderen Zeit. Autos, Schilder, Menschen, Pflaster, und mittendrin wir mit unseren Tieren, als hätten wir uns im Jahrhundert vertan, aber immerhin die bessere Aussicht gewählt.
Wir haben Glück. Ein Zimmer ist frei, und nur 600 Meter weiter gibt es einen Reitstall, wo wir die Pferde auf eine Koppel stellen können.
6. August
Wir reiten quer durch Bormio zur Stilfserjochstrasse. Vorbei am römischen Bad finden wir einen Wanderweg, der uns ein Stück nach oben führt. Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als hätten wir den perfekten Weg gefunden. Dann endet die Begeisterung wieder einmal etwas früher als geplant, und wir müssen ein Stück zurück auf die Strasse.
Schliesslich entdecken wir den Weg zum Lago di Scale. Zuerst geht es steil bergab bis zum Fluss, und kaum ist man unten, beginnt auf der anderen Talseite der lange, stetige Anstieg. So ist das in den Bergen: Wer hinuntergeht, darf sich selten zu lange darüber freuen.
Gegen Mittag erreichen wir die Höhe. Der Weg wird ruhiger, und wir folgen dem Ufer des Lago Cancano. Nach dem Auf und Ab des Vormittags wirkt das Wasser fast wie eine Belohnung, still und weit zwischen den Bergen. Die Pferde gehen gleichmässig, wir kommen voran, und langsam fällt die Anspannung des Anstiegs von uns ab.
Schliesslich gelangen wir nach San Giacomo zu Severin.
7. August
Haferflocken, Milch und ein Krug Kaffee. Mehr braucht es nicht für den letzten Abschnitt unserer Tour. Kein Buffet, keine Auswahl, keine philosophische Diskussion über gesunde Ernährung. Einfach etwas im Magen, Koffein im Blut und Pferde, die wieder wissen wollen, wohin der Mensch heute schon wieder will.
Wir reiten hinauf zur Alpe Trela und weiter nach Stefan, wo wir den Pferden eine Pause im Gras gönnen. Sie nehmen diese Entscheidung ohne Widerspruch an. Pferde sind in solchen Fragen erstaunlich kooperativ, solange Gras die Verhandlungsgrundlage bildet.
Danach reiten wir durch den wilden Canale Torto bis nach Alpisella. Der Weg hat noch einmal alles, was so eine letzte Etappe braucht: schmale Stellen, Wasser, Steine, Landschaft und genug Charakter, damit man nicht zu früh sentimental wird. In Alpisella genehmigen wir uns ein Bier und Pommes. Nach Tagen über Pässe, durch Regen, über Stege und durch Täler darf eine Portion Pommes durchaus als kulinarischer Höhepunkt gelten.
Von dort geht es weiter nach Livigno. Wir führen die Pferde durch das belebte Dorfzentrum, vorbei an Menschen, Läden, Autos und all dem, was nach einer Woche Berge plötzlich fast übertrieben zivilisiert wirkt. Die Pferde nehmen es gelassen. Vielleicht wundern sie sich über die Menschen, vielleicht auch nicht. Pferde kommentieren wenig, was sie manchmal sympathischer macht als die Menschen.
Der Bus bringt mich zurück zum Auto, und schliesslich machen wir uns auf den Heimweg. Die Tour ist zu Ende, aber wie immer bleibt etwas zurück: Bilder von Pässen, nassen Kleidern, warmen Hütten, fremden Ställen, guten Menschen unterwegs und Pferden, die einen auch dann weiterbringen, wenn der Weg einmal wieder ganz anders aussieht als auf der Karte.




























































































































































































































































































































































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