
die Begrenzung deines Pferdes..
...ist dein Vorstellungs-vermögen!
Ausbildung Wanderreitpferd
Ausbildung eines Wanderreitpferdes
Die Ausbildung eines Wanderreitpferdes beginnt beim Reiter.
Dieser muss dem Pferd die Sicherheit geben, die es braucht, um stressfrei unterwegs zu sein. Jeder Anflug von Angst beim Reiter wird vom Pferd sofort realisiert und es reagiert darauf höchst empfindsam. Angst jedoch wird von der heutigen Gesellschaft gemieden, wie der Teufel das Weihwasser meidet. Dabei ist Angst ein völlig natürlicher Reflex, der uns hilft, unsere Sinne zu schärfen und mögliche Gefahren zu erkennen.
Wenn wir Angst meiden, lernen wir nicht, mit ihr umzugehen. Angst ist wie ein Muskel, der trainiert werden kann. Wir wollen diesen Muskel trainieren, damit nicht die Angst uns beherrscht, sondern wir die Angst.
Wir begeben uns bewusst in Situationen, die uns Angst machen. Wir konfrontieren diese Angst und überwinden sie. Zum Beispiel ein schmaler Steig am Berg, eine schmale Brücke oder ein steiler Abhang. Ich überwinde mich und gehe zu Fuß den Steig hinauf oder den Abhang hinunter. Ich erlebe, dass mein Pferd nicht abstürzen will und fähiger ist als ich, den Steig hinaufzuklettern oder den Abhang hinunterzugehen.
Ich wiederhole diese Situationen und das Hindernis verliert seine Bedrohung. Ich weiß jetzt, dass mein Pferd das kann. Der nächste Steig ist länger, der nächste Abstieg steiler. Am Ende reite ich hinauf und hinunter.
👉 Ich trainiere meine Angst und werde immer gelassener.
👉 Nichts kann mich mehr erschüttern.
1. Sicherheit
Wir hören viel von Dominanz und Konsequenz. Beides sind Themen, die im richtigen Rahmen wichtig sind. Wenn ich jedoch meine Pferde frage, sind ihnen diese Begriffe oft eher lästig.
Was Pferde wirklich interessiert, ist Sicherheit.
Wir nehmen das Pferd aus seiner Herde und übernehmen damit die Verantwortung für seine Sicherheit. Das ist dem Pferd sehr bewusst – uns jedoch oft nicht.
Und so geschieht das Naheliegende:
Wenn ich meinem Pferd die gewünschte Sicherheit nicht gebe, sucht es sich diese selbst.
👉 Es drängelt
👉 es ist schreckhaft
👉 es wird nervös
👉 oder es kehrt sogar zum Stall zurück
Wir reagieren dann mit: „Du bist ungehorsam, das kann ich nicht dulden.“
Dabei will das Pferd nur eines: Sicherheit.
2. Wie gebe ich meinem Pferd Sicherheit?
Sicherheit beginnt bei mir.
Wenn ich selbst unsicher bin und mich jede neue Situation überfordert, wird es mir schwerfallen, mein Pferd zu überzeugen. Andere Menschen haben es leichter – sie sind von Natur aus selbstsicher, und das Pferd reagiert darauf mit Ruhe.
Hier gibt es nur einen Weg:
👉 Ich muss mir meiner Stärke oder Schwäche bewusst werden und daran arbeiten.
Wie Parelli sagt:
👉 Mit dem Pferd spielen und an mir arbeiten.
Praktische Tips Angst zu bewältigen
Wenn ich ängstlich bin, muss ich lernen, ruhig zu werden:
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tief durchatmen
-
stehen bleiben
-
warten, bis ich wieder ruhig bin
Erst dann geht es weiter.
Pferdepsychologie
Pferde sind einfach gestrickte Wesen. Sie haben nicht alle drei Sekunden eine neue Idee.
Deshalb begebe dich auf den Level deines Pferdes und überlege dir genau, was du willst, bevor du etwas verlangst.
👉 Entscheide dich für eine Sache.
👉 Und bleibe dabei.
Tage, Wochen – bis es funktioniert und das Pferd versteht, was du möchtest. Dabei ist es entscheidend, jede Bemühung des Pferdes sofort zu belohnen.
Beispiel
Das Pferd soll deine Privatsphäre respektieren und dich nicht bedrängen. Wenn es dir zu nahe kommt, wird es zurückgeschickt.
Folgt es dir mit Abstand, belohnst du es durch Stehenbleiben.
Wenn es am Strick folgt, soll es hinter dir bleiben. Das ist alles.
👉 Dabei bleibst du, bis es funktioniert.
Bis diese Position zur normalen Position wird.
Dein Pferd hat in dieser Zeit nur einen Gedanken:
👉 Sicherheit.
Indem du es konsequent immer wieder in diese Position bringst, gibst du ihm genau diese Sicherheit.
Konsequenz schafft Beständigkeit.
Beständigkeit schafft Vertrauen.
Vertrauen schafft Sicherheit.
3. Führen und Bodenarbeit
Pferde sind darauf ausgerichtet, in der Weite der Steppe Nahrung zu suchen. Ihr Seh-, Geruchs- und Gehörsinn ist extrem gut entwickelt, um Gefahren frühzeitig wahrzunehmen und im Zweifel die Flucht zu ergreifen.
In unserer Zivilisation werden sie jedoch mit vielen unnatürlichen Reizen konfrontiert, an die sie sich erst gewöhnen müssen, um mental stabil genug für einen Wanderritt zu sein.
Platzarbeit
Beginnen können wir auf dem Sandplatz oder im Roundpen.
Ein Hindernis kann bereits die Tür des Roundpens sein. Dieser enge Durchgang stellt für viele Pferde eine potenzielle Gefahr dar.
Weitere Beispiele:
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gestapelte Strohballen entlang des Zauns
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enge Durchgänge
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Flatterbänder
-
Planen vor der Stalltür
Das Pferd muss diese Hindernisse:
👉 entdecken
👉 beschnuppern
👉 selbstständig bewältigen lernen
Im Gelände
Alles, vor dem das Pferd beim Ausritt scheut, ist eine Trainingsmöglichkeit.
👉 Anhalten
👉 dem Pferd Zeit geben
👉 den Gegenstand beschnuppern lassen
👉 mit beiden Augen erfassen lassen
Wichtig ist:
👉 Das Pferd lernt, langsam und ruhig durch die Situation zu gehen.
Lärm von Maschinen oder plötzlich auftauchende Hunde sind Dinge, an die sich das Pferd gewöhnen kann – und auch muss, wenn wir stressfrei unterwegs sein wollen.
Arbeit an der Psyche
Neben der körperlichen Arbeit ist die mentale Stärke entscheidend.
👉 Jede Gelegenheit nutzen, dem Pferd Neues zu zeigen
👉 Herausforderungen annehmen
👉 dem Pferd die Möglichkeit geben zu zeigen, was es kann
Eine zentrale Übung für das Wanderreiten ist das Führen am langen Seil.
Dabei gibt es nicht nur eine Position, sondern mehrere:
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auf Schulterhöhe
-
in 1,5–2 m Abstand hinter dem Führenden
-
vor dem Reiter
Diese Positionen werden gezielt abgefragt.
👉 Wichtig ist, dass das Pferd die Position nicht selbst verändert.
Das Führen auf Schulterhöhe ist die häufigste Technik.
Das Führen mit Abstand wird auf schmalen Pfaden benötigt.
Das Führen vor dem Reiter bereitet auf den Schlepplift vor.
3. Konditionierung
Wichtig ist, dass wir während des physischen Trainings des Pferdes das mentale Training nicht vergessen. Wenn Pferde Stress haben, verlieren sie schnell an Gewicht und die ganze Trainingsarbeit ist umsonst.
Voraussetzung für ein gesundes Training ist, dass wir die Atemfrequenz und die Pulsfrequenz unseres Pferdes im Ruhezustand kennen.
Die Atemfrequenz kann ich erkennen, indem ich die Bauch- und Brustbewegungen meines Pferdes beobachte und diese pro Minute zähle.
Die Pulsmessung ist etwas schwieriger, da es nur wenige Stellen gibt, an denen ich ohne Stethoskop messen kann:
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unter den Ganaschen, entlang des Unterkiefers
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hinter dem Auge
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an der Schweifrübe
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oberhalb der Fessel am Vorderbein
👉 Atemfrequenz im Ruhezustand: 14–18 Atemzüge pro Minute
👉 Puls im Ruhezustand: 30–40 Schläge pro Minute
Beim Training sollte der Puls nicht über 120 steigen.
Ausschlaggebend für die Fitness ist die Zeit, die das Pferd benötigt, um nach Belastung wieder auf etwa den doppelten Ruhepuls (60–80) zu kommen.
👉 Je schneller sich der Puls normalisiert, desto fitter ist das Pferd.
4. Training
Optimales Training findet im bergigen Gelände und im Schritt statt. Nicht jeder hat Berge zur Verfügung – dennoch kann in jedem Gelände Kondition aufgebaut werden. Am Berg geht es lediglich schneller.
Für ein Wanderreitpferd sind 25 km keine Herausforderung – für den Reiter unter Umständen schon.
Ein Ausritt von 1,5 Stunden mit 8–10 km ist für ein Pferd noch keine echte Trainingseinheit. Diese beginnt erst, wenn wir mehr als 30–40 km am Stück zurücklegen.
👉 Das bedeutet:
6–8 Stunden im Sattel – das ist die eigentliche Herausforderung.
Im Gebirge verändert sich die Belastung:
👉 100 Höhenmeter entsprechen etwa 1 km Leistung.
👉 20 km mit 600 hm bergauf entsprechen etwa 26 km Gesamtleistung.
Trainingsaufbau
Training beginnt im Schritt.
Alle 5 Minuten wird eine kurze Trabphase von etwa einer Minute eingebaut. Dies wird eine Woche lang durchgeführt.
Nach jeder Trabphase folgt wieder Schritt.
Nach einer Woche werden die Trabphasen verlängert, bis nach etwa 4 Wochen 5 Minuten Trab auf 5 Minuten Schritt folgen.
👉 Wichtig ist dabei:
-
Atmung beobachten
-
Puls kontrollieren
In den Schrittphasen müssen sich Atmung und Puls wieder normalisieren.
Je besser die Grundfitness des Pferdes, desto schneller wird dieses Ziel erreicht.
Empfehlung:
👉 3–5 Trainingseinheiten pro Woche
👉 jeweils 2–3 Stunden im Gelände
Danach können erste Tagestouren von 6–10 Stunden durchgeführt werden.
5. Vertrauen ist alles
Wenn wir unterwegs sind oder auf dem Platz arbeiten, gilt ein einfaches Prinzip:
👉 Wir verlangen wenig – aber das konsequent.
1–2 Dinge werden klar eingefordert, bis sie zuverlässig funktionieren.
Erst dann kommen neue Anforderungen hinzu.
Durch diese klare Struktur entsteht ein Verhältnis zum Pferd, das ihm hilft zu verstehen, woran es ist.
6. Die Begrenzung liegt in unserer Vorstellung
Wir müssen unseren Verstand erweitern – um den Faktor Vorstellungskraft. Wir begrenzen unsere Pferde, indem wir ihnen nur das zutrauen, was wir uns vorstellen können.
Alles, was darüber hinausgeht, verweigern wir oft unbewusst.
Pferde sind jedoch nicht nach menschlichen Maßstäben begrenzt.
Sie können Dinge leisten, die wir uns kaum vorstellen:
-
sie können klettern
-
sie können durch Flüsse und Bäche gehen
-
sie können Brücken überqueren
-
sie verlieren nicht das Gleichgewicht auf schwierigem Untergrund
👉 Wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, es zu lernen.
Wenn wir sie üben lassen und ihnen vertrauen.
Wenn wir Pferde einfach Pferd sein lassen und bereit sind zu sehen, was sie leisten können, werden wir feststellen:
👉 Sie sind näher an der Natur als wir.
👉 Sie finden Lösungen, wo wir Probleme sehen.
👉 Und sie tun das gerne – mit uns und für uns.
7. Kommunikation
Wir kommunizieren mit unseren Pferden über Körpersprache, Energie und Emotionen. Pferde sind Meister darin, diese Dinge zu lesen. Wir Menschen hingegen haben unsere nicht-verbale Kommunikation oft wenig im Griff und verstehen häufig nicht, was unser Körper vermittelt.
Beispiel
Du hattest einen Unfall auf einer Brücke.
Danach verweigert dein Pferd in ähnlichen Situationen.
Du denkst: Das Pferd erinnert sich daran.
Meine Erfahrung zeigt etwas anderes:
👉 Du kommst zu einer Brücke
👉In deinem Kopf läuft der Film des Erlebten ab.
👉 Du reagierst innerlich darauf.
👉 Dein Pferd nimmt diese Reaktion wahr – und verweigert.
Wenn du es schaffst, diesen Film durch eine positive Erwartung zu ersetzen, geht dein Pferd wieder über die Brücke.
👉 Beweis:
Eine andere Person führt dein Pferd – und es geht problemlos.
8. Leichtigkeit contra Sanftheit
Viele Pferde können Leichtigkeit erlernen.
👉 Leichtigkeit bedeutet: Gehorsam unter bekannten Bedingungen. Sobald sich die Bedingungen ändern, geht diese Leichtigkeit oft verloren.
👉Sanftheit ist etwas anderes:
👉 Das Pferd vertraut dir und folgt dir unter allen Bedingungen.
Wie erreichen wir Sanftheit?
Vertrauen basiert auf Beständigkeit.
Beständigkeit bedeutet Verlässlichkeit.
Verlässlichkeit schafft Vertrauenswürdigkeit.
Vertauenswürdigkeit schafft Vertrauen
Wenn das Pferd dir vertraut:
👉 ist es im Frieden mit sich und mit dir
👉 dann wird es sanft
👉 und folgt dir – unter allen Umständen
Mark Rashid





























